“Unsere Arbeit ist eine perfekte Fälschung“

ROWE, Zahntechnik Überruhr, Dübbert

Unser erstes Treffen mit Michael Dübbert fand statt, als ich ihm vor einiger Zeit meine Leistungen als Werbefotograf angeboten habe. Es war nicht leicht, ihn zu überreden, die sehr realistischen Zahn-Bilder von seiner alten Internetseite durch „weniger spezifische“ Fotos auszutauschen. Gegen die Leidenschaft des Meisters konnte ich mich nur teilweise durchsetzen. – Ein Teil der alten Bilder musste im Fotoshop bearbeitet werden. Sie fanden ihren Platz in der neuen Internet-Präsenz der Firma ROWE.

ROWE GmbH ist ein Dentallabor in Essen-Überruhr. Außer dem Chef, Michael Dübbert, arbeiten in dem Labor zehn Festangestellte. Eigentlich ist das ein Produktionsbetrieb, nur mit seiner Spezifika. Wie überlebt ein Dentallabor? Wie war der Weg vom Zahntechniker zum Unternehmer – versucht die Redaktion von „Dein Werk“ in einem Gespräch zu erfahren.

 

Dein Werk: Herr Dübbert, wer sind Ihre Kunden?

Dübbert: Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten, da ein Dentallabor immer an der Nabelschnur eines Zahnarztes hängt. Wenn die Zahnärzte keine Patienten mehr zu uns schicken würden, dann käme auch bei mir nichts an. Folglich sind die Zahnärzte unsere Primärkundschaft. Natürlich können wir auch dazu beitragen die Patienten direkt zu gewinnen. Durch eigene Werbung nutzen wir die Chance uns und unsere Arbeit vorzustellen. In diesem Rahmen erklären wir den Patienten auch, dass sie selbst entscheiden können, welches Dentallabor ihren Zahnersatz anfertigen soll. Viele Menschen wissen das gar nicht.ROWE, Zahntechnik Überruhr, Dübbert

Dein Werk: Welchen Vorteil haben die Kunden, wenn Sie sich bei Ihnen beraten lassen?

Dübbert: Bei uns ist die Beratung individuell auf die Kundenwünsche abgestimmt und kostenlos. Wir können die Materialien und technischen Möglichkeiten, die in dem jeweiligen Fall zur Auswahl stehen, vor Ort erklären und vorstellen. Durch den Einblick in die Materialien und Arbeitsprozesse werden die Preisunterschiede für die Kunden deutlicher. Der Patient hat so die Möglichkeit alle Details mit seinem Zahnarzt zu besprechen und sich eine zweite Meinung einzuholen.

Dein Werk: Sind Ihre Kunden vorwiegend ältere Menschen?

Dübbert: Meine Kunden sind vom Alter her sehr unterschiedlich. Vom Schüler, der bei Glatteis gefallen ist, bis zum alten Mann, der eine Prothese benötigt. Also, von Jung bis Alt ist alles dabei. Zurzeit kommen viele junge Menschen zu uns, weil sie sich ein perfektes Lächeln wünschen.

Unser oberstes Ziel ist es, den Patienten vollkommen zufriedenzustellen. Der Patient muss glücklich nach Hause gehen und niemand im Bekanntenkreis sollte sehen, dass er einen Zahnersatz trägt. Deshalb sprechen wir in unserem Job von der perfekten Fälschung. Neben der Optik ist natürlich der Tragekomfort sehr wichtig.

Dein Werk: Welche Aufträge bereiten einem Zahntechniker den meisten Stress?

Dübbert: Das sind sicherlich die Reparaturen. Diese Arbeiten sind besonders eilig, da der Patient für sein Wohlbefinden und alltägliches Leben eine perfekte Prothese benötigt.

Dein Werk: Die Globalisierung macht auch vor den Dentallaboren keinen Halt, fürchten Sie sich vor dem Trend Zahnersatz im Ausland anfertigen zu lassen?

Dübbert: Nein, das sollen die Leute ruhig machen. Problematisch wird es, wenn sie später eine Reklamation haben. Deutsche Dentallabore können in so einem Fall häufig nicht helfen. Oft ist es so, dass der Zahnersatz im Ausland angefertigt wurde und hier, zum Beispiel bricht oder Allergien auslöst. Da häufig keine Nachweise über die verwendeten Materialien vorliegen, wird eine Reparatur unmöglich. Es muss ein neuer Zahnersatz angefertigt werden. So lohnt sich die Anfertigung im Ausland nicht. Mittlerweile haben das viele begriffen.

Dein Werk: Sie erwähnten gerade die Materialien. Müssen Sie diese vorfinanzieren und auf Lager haben?

Dübbert: Nein, das wären zu hohe Investitionswerte. Wenn Goldunterbauten für die Keramik zum Einsatz kommen, dann geht es in die Tausende und wird einfach zu teuer. Der Grammpreis für Goldlegierungen liegt momentan bei ca. € 55. Die gesamten Komponenten dieser Legierungen sind meistens arbeitsmarktabhängige, börsengehandelte Werte.

Dein Werk: Also behalten Sie auch die Rohstoffbörse im Auge?

Dübbert: Ins Handelsblatt schaue ich schon rein.

Dein Werk: Dann sind Sie mehr Kaufmann oder Handwerker? Wie war Ihr Weg zu einem eigenen Dentallabor? Wahrscheinlich kommen Sie aus einer Familie von Selbstständigen…

Dübbert: Mehr aus einer Handwerkerfamilie, obwohl meine Mutter selbstständig war.

Als Kind bin ich immer an die handwerklichen Geschichten herangeführt worden. Mein Vater war im Kundendienst tätig, er hatte viele Kontakte, sowohl im handwerklichen als auch im kaufmännischen Bereich. So hat es sich ergeben, dass ich mehrere Praktika bei der Firma Miele im kaufmännischen Bereich und beim Zahntechniker im praktischen Bereich absolviert habe.

Später habe ich mich für den praktischen Bereich entschieden, da mich die Welt der Zahntechnik fasziniert hat. Dieses Labor habe ich erstmals als Praktikant und später als Auszubildender kennengelernt. Als mein damaliger Chef Jahre später einen Nachfolger suchte, war ich bereits verheiratet und hatte ein kleines Kind. Es war nicht leicht sich wieder für die Schulbank zu entscheiden. Aber ich musste meinen Meister machen, um die Firma zu übernehmen. Diese Zeit brachte natürlich viele Schwierigkeiten mit sich, angefangen vom Umzug nach Köln, ohne meine Familie, bis hin zum Verdienstausfall.

Dein Werk: Hatten Sie während dieser Zeit die Unterstützung der Familie?

Dübbert: Natürlich, ohne geht es auch absolut nicht.

Dein Werk: Waren Sie bereits als Auszubildender so strebsam?

Dübbert: Absolut nicht. Ich bin über Tische und Bänke gegangen. Aber ich war schon damals in diesen Beruf verliebt, und habe meine Arbeit immer sauber und fleißig erledigt.

Dein Werk: Was hatten Sie als Kind und Jugendlicher für Interessen?

Dübbert: Mein absoluter Favorit war der Chemiekasten von Kosmos. Zu meiner Zeit gab es darin viele Chemikalien, die heute verboten sind. Daraus habe ich alles Mögliche gemacht, sogar einen Raketenstart.

Dein Werk: Und wie entspannen Sie sich heute?

Zum Entspannen bleibt leider nicht viel Zeit. Mein Arbeitstag umfasst mindestens zwölf Stunden. Ich erledige viele Arbeiten selber, von der Handwerksarbeit bis zum Büroteil.

Dein Werk: Hatten Sie einen leichten Start durch die Übernahme eines laufenden Labors mit Kundenbestand? Welche Schwierigkeiten kamen auf Sie zu?

Dübbert: Ein großes Problem war die Beseitigung von Altlasten. Meine Vorgänger hatten viele ungünstge Verträge abgeschlossen. Es hat zwei Jahre gedauert, bis diese Verträge gekündigt waren, um dann dringende Sparmaßnahmen einzuleiten. Ein großer Vorteil dagegen war, dass alte Bestandskunden mich bereits kannten. Für meine Kunden war der Übergang fließend. Sicherlich haben sie abgeklopft, wie ich in den unterschiedlichsten Situationen reagiere, aber zum Glück ist kein Kunde abgesprungen.

Dein Werk: Wussten Sie als junger Chef direkt was zu tun ist?

Dübbert: Nicht immer. Seit meiner Kindheit kannte ich jedoch einen Leitspruch: Mann sollte auf alte Hasen hören. Bei wichtigen Entscheidungen habe ich meinen alten Chef zu Rate gezogen, und wir haben gewisse Probleme bei einer Tasse Kaffee besprochen. Das bedeutet aber nicht, dass ich selbst keine Entscheidungen getroffen habe. So habe ich z. B. mein Team neu aufgestellt, um die Kundenakzeptanz zu erhöhen.

Dein Werk: Mussten Sie im Bereich Personalführung viel lernen? Haben Sie Kurse besucht oder einen Berater engagiert?

Dübbert: Für mich stellt sich die Frage anders – entweder kann man auf Menschen zugehen oder man kann es nicht. Dies ist eine Frage der persönlichen Ausstrahlung. Dafür brauche ich nicht auf irgendwelche Seminare zu gehen, obwohl man sich natürlich immer verbessern kann.

Dein Werk: Sie haben einen Sohn im Teenageralter, was versuchen Sie ihm zu vermitteln?

Dübbert: Das Handwerkliche. Zu Hause hilft er bei teilweise schwierigen Arbeiten, Reparaturen etc. Genauso, wie es mein Vater bei mir gemacht hat.

Dein Werk: Also tötet er seine Freizeit nicht mit seinem I-Phon oder am Computer wie viele andere?

Dübbert: Er verbringt viel Zeit am PC. Das sind aber keine sinnfreien Spiele, sondern oft etwas Schöpferisches. Ich glaube das ist voll in Ordnung.

Dein Werk: Vielen Dank für die Einblicke in Ihren Beruf und Ihren Weg zum eigenen Dentallabor. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

Yevgeniy Kucherskyy

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