Joel Schaake – der Kapitän im Rollstuhl

Rollstuhlbasketball, Hot Rolling Bears

#myrollingstory

Er macht kein Drama daraus. Es war für ihn kein Verlust. Mit einer angeborenen Behinderung zu leben ist etwas anderes, als plötzlich nicht mehr laufen zu können.

Joel, der Kapitän der Rollstuhlbasketball-Mannschaft Hot Rolling Bears wirkt gelassen. Er ist so ruhig, dass man am Anfang denken könnte, dass er sich langweilt oder als das ihm jeglicher Ehrgeiz fehle.

Aber nicht im Spiel – denn da schätzt der Kapitän sich selbst als Streber ein.
Wir dürfen Joel alles fragen und erleben ein spannendes Interview:

DW: Joel, was ist der Anfang Deiner Story? Und wie kam es überhaupt zu Rollstuhlbasketball?

J: Ich bin von Geburt an behindert. Ich bin mit offenem Rücken geboren. Das passiert oft bei Vitaminmängeln, die das Zusammenwachsen der menschlichen Nerven mit dem Rückenmark verhindern können. So war es in meinem Fall.
Ich war deshalb auf einer integrativen Gesamtschule. Diese Schule organisierte jährlich Projekttage, die immer in der letzten Woche vor den Herbstferien stattfanden. In der fünften Klasse hatte ich zwei Mitschüler, die ebenfalls im Rollstuhl saßen. Das gab der Schule wohl den Anlass dazu, einen Behindertensportverein zu uns einzuladen.
Der Verein sagte zu und besuchte uns tatsächlich in dieser Projektwoche. Sie haben eine Art Rollstuhlparkour mit uns gemacht und unsere Beweglichkeit gefördert. Nach der Sporteinheit unterhielten wir uns eine Weile über verschiedene Dinge, wobei sich das Gespräch bereits nach kurzer Zeit in Richtung Ballsportarten und auch Basketball gewendet hat. Man hat uns über diesen Sport und seine Beliebtheit unter Behinderten aufgeklärt und fragte uns sogar, ob wir denn nicht selbst Interesse daran hätten, in so einem Verein zu spielen.
Es gab nicht wirklich viel nachzudenken. So kam es, dass ich schon bald mit einem Ball in einer Halle stand. Am Anfang war es nur ich und ein bis zwei andere Spieler, doch mit den Wochen wurden es immer mehr und wir trainierten immer öfter.
Einige Zeit später bekam ich eine Anfrage aus Köln. Sie machten nämlich eine neue Nachwuchsmannschaft auf.
Ich musste sehr lange mit meinen Eltern darüber diskutieren, aber die haben mich dann letzten Endes doch hingefahren. Es war super.
Seitdem ging es immer weiter. In der Kölner Mannschaft habe ich mich bis hoch in die zweite Liga gekämpft und als ich dann irgendwann nach Bonn wechselte, spielte ich dort sogar in der ersten. Es hat sich so ergeben, dass ich etwas später wieder wechselte, diesmal in die Essener zweite Liga, in der ich heute Kapitän bin.

DW: Denkst Du, dass Du es einfacher hast als die Menschen, die ohne Behinderung geboren sind und einen Teil ihres Lebens gesund waren?

J: Ich denke schon. So gesehen wurde ich nicht aus meinem täglichen Leben gerissen. Solche dramatischen Geschichten gibt es beim Basketball leider sehr oft. Ein Beispiel dafür wäre eine meiner Bekannten aus Bonn. Ich habe sie vor 3 Jahren kennengelernt und zu dem Zeitpunkt saß sie gerade 3 Monate im Stuhl. Es war nicht einfach für sie. Das sind Geschichten, die Rollstuhlbasketball schreibt. Geschichten, die echt erschütternd.
Ich jedoch bin in einer komplett anderen Situation. Ich leide nicht und bin auf gesunde Menschen gar nicht neidisch.

DW: Und Deine Kindheit? Wie war es für Dich unter den anderen Kindern?

J: Kinder sind etwas anders – sie sind grausam. Ja, das war wirklich nicht einfach: man wird verspottet und ausgelacht. Am Anfang konnte ich noch auf Krücken laufen, aber das wurde mir irgendwann zu anstrengend. Ich habe meinen ersten Rollstuhl in der dritten Klasse bekommen, den ich dann auch im Sportunterricht benutzen durfte. Man bleibt also immer unten, wenn man nicht aufstehen kann.

DW: Wie sieht Dein Freundeskreis heute aus? Sind es auch Leute mit Behinderungen?

J: Nein, sie sind gesund. Ich habe viele Freunde, gehe mit denen aus. Wenn sie zur Disko gehen, gehe ich mit. Man muss ja nicht unbedingt tanzen, es ist auch so lustig. Man akzeptiert mich, wenn ich mit meinem Rollstuhl auf der Tanzfläche stehe und mich mit anderen unterhalte. Wir gehen zusammen in die Kneipe oder ins Kino – da habe ich sogar Vorteile, weil ich dafür nicht zahlen muss. Ich nehme ja keinem seinen Sitzplatz weg.

DW: Du hast in unserem Vorgespräch erwähnt, dass Du lange Zeit eine Freundin hattest. War sie auch behindert?

J: Nein, auch sie war normal. Und ehrlich gesagt, kann ich mir keine behinderte Freundin vorstellen. Ich weiß selber nicht, wieso.

DW: Möchtest Du irgendwann eine Familie gründen, Kinder bekommen?

J: Familie, vielleicht später. Kinder möchte ich keine. Es wäre für mich zu anstrengend. Vielleicht ändere ich meine Meinung mit der Zeit.

DW: Was machst Du beruflich?

J: Ich bin Beamter – nichts spektakuläres. Bearbeite Blindengeld-Fälle.

DW: Also hast Du mit Behinderungen anderer Art zu tun. Vergleichst du manchmal die Situation dieser Menschen mit Deiner eigenen?

J: Klar, man hat unterschiedliche Gedanken. Aber ich glaube, dass keine der beiden Seiten tauschen wollen würde. Man entwickelt sich in seiner eigenen Welt, passt sich an und kann sich einfach nicht vorstellen, das zu verlieren, was man für sich erreicht hat.

DW: Was ist Dein Traum?

J: Mein großes Ziel waren mal die Paralympics und Nationalmannschaften und all dies. Mittlerweile ist das alles in die Ferne gerückt, weil ich einfach älter werde. Aber ich bleibe dran und versuche alles was möglich ist. Häufig sind die Paralympics das große Ziel, das man sich setzt. Ansonsten weiß ich ehrlich gesagt nicht, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Wenn man echt ein Problem damit hat zu verlieren, dann macht man weiter und kämpft.

DW: Im Rollstuhlbasketball dürfen auch Menschen ohne Behinderung mitspielen. Soweit ich weiß, ist das auch in Deinem Team der Fall. Wie kommst Du als Kapitän damit klar? Spürt man Unterschiede? Halten die Behinderten untereinander mehr zusammen?

J: Genau das ist eine der tollsten Sachen im Rollstuhlbasketball – man achtet überhaupt nicht auf diese Unterschiede – alles ist sehr locker und offen. Alle sind zusammen: Frauen, Männer, gesund, behindert!

DW: Wer sind diese Menschen, die sich freiwillig in einen Rollstuhl setzen, um mit Euch zusammen zu spielen?

J: Oh, da gibt es ganz unterschiedliche Geschichten. Einer unserer Spieler hat einen Vater, der im Rollstuhl sitzt. Ein anderer arbeitet im Reha-Bereich und hat daher viele Berührungspunkte mit Rollstuhlfahrern.
Die Welt des Rollstuhlbasketballs ist sehr bunt und schön. Er macht unser Leben zu einem würdigen Spiel.

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