MAGAZIN FÜR MACHER

DEIN WERK

Offizieller Kooperationspartner vom Unperfekthaus

Ein Yogalehrer hat gerade eine zweitägige Meditation beendet und geht in seinem Viertel auf die Straße, um frische Luft zu schnappen. Zwei Gassen weiter packt ein Redakteur sein Laptop und, bloß die Brille nicht vergessen, eilt zu der S-Bahn-Haltestelle. Da warten schon zwei Mädchen mit Kopftuch, die noch eine Straße weiter wohnen, und ein Inder, der an der Ecke sein Restaurant betreibt.

Die Wege des Redakteurs und des Yogalehrers werden sich heute nicht kreuzen. Es hat sich „einfach“ so ergeben. Genauso wie es sich ergeben hat, dass die Mädchen dem Inder heute in einem Lebensmittelgeschäft noch einmal begegnen.

Dahinter steckt viel Kausalität. Diese nehmen Stadtsoziologen unter die Lupe und suchen nach Wegen, sie zu beeinflussen: durch eine neue Buslinie, eine E-Ladestation, einen Kindergarten mehr oder weniger.

Im echten Leben bieten sich dafür genug Labore ohne künstliche Bedingungen: Die Münchener Maxvorstadt, Hamburg Altona, Köln Zollstock. Mit einer neuen Buslinie oder dem Umzug aus einem Industriegebiet lassen sich einige Zahnräder in Bewegung setzen.

Die Stadt selbst ist das Labor, aber selber auch Experiment – schreibt Anna-Lisa Müller in ihrem Artikel Die Stadt im Blick der Soziologie.

Kreuzeskirchviertel in Essen

Eines der mit Abstand interessantesten solcher Experimente ist das Kreuzeskirchviertel in Essen. Die Wechselwirkung unterschiedlicher Subkulturen und Altersgruppen ist hier sehr komplex. Gleichzeitig genießt der Stadtteil den Einfluss von drei wichtigen Faktoren:

  • das Kreative: das UnPerfekthaus und mehrere Kunstgalerien in der Mitte
  • das Geschäftliche: die Rathausgalerie, das Einkaufszentrum Limbecker Platz in der Nähe, eine große Fußgängerzone
  • das Soziale: das VielRespektZentrum, das GenerationenKult-Haus, der Treffpunkt City Nord

Doch trotz einer sehr dynamischen und positiven Entwicklung schleppt das Kreuzeskirchviertel eine alte Last hinter sich her. Diese Gegend war einmal ziemlich verrufen und das lässt sich nicht einfach wegstreichen.

Ein Online-Projekt für faire Reputation

Das ungerechte Renommee ließ einige Essener Köpfe nicht kalt. Im Sommer 2019 startete das UnPerfekthaus ein Online-Projekt mit dem Ziel, das interne Leben des Kreuzeskirchviertels durch hier lebende Macher zu enthüllen. Über 30 kurzgefasste Lebensgeschichten füllten die Webseite des Projekts und fanden ihren Weg zum Leser über die Social Media. Ladenbesitzer, ehrenamtliche Helfer und Künstler wurden interviewt. Je vertrauter die Gesichter sind, desto weniger Vorurteile entstehen – so ist der Plan.

„Kreuzeskirchviertel“ ist kein offizieller Begriff, und sollten Sie einmal versucht haben, ihn im Google Maps-Suchfeld einzugeben, ergab sich daraus kein Treffer. Doch einige Zeit nach dem Start des Projektes wird diese Bezeichnung durch die Einheimischen immer öfter benutzt – und ist mittlerweile auch im Internet zu einem Begriff geworden.

Was im Kreuzeskirchviertel passiert, bleibt selten im Kreuzeskirchviertel – dafür sorgt auch die lokale Presse. Doch es gibt auch nicht viel zu verbergen. Und für Stadtsoziologen ist es sicherlich ein interessanter Stoff.  Als Essener und Projektinsider sind wir auf die weitere Entwicklung sehr gespannt und wünschen dem Kreuzeskirchviertel viel Erfolg.