„Essen ist eine unterschätzte Stadt“. Interview mit Christian Pflug

Christian Pflug ist Chefredakteur Radio Essen seit 2009. Viele Angaben zu seiner Person findet man öffentlich im Internet. Sein Lebenslauf ist unter www.christianpflug.de zugänglich.

Christian Pflug, Radio Essen
Christian Pflug

Dein Werk: Herr Pflug, das Online-Magazin „Dein Werk“ berichtet über Menschen und deren Leidenschaften. Der heutige Beitrag beschäftigt sich mit Ihnen als Privatperson und als Chefredakteur.

Sie haben Ihren Lebenslauf im Internet veröffentlicht und viele mögliche Fragen damit bereits beantwortet. Sicherlich möchten die Essener aber noch ein wenig mehr über Sie wissen.

Sie haben einen ziemlich stressigen Job. In Spielfilmen zeigt man an dieser Stelle meistens einen ständig rauchenden Choleriker. Sie schreiben über sich dagegen, dass Sie ein ganz ruhiger Typ sind. Was ist der Trick?

Pflug: Zunächst einmal gehe ich mit einer positiven Grundeinstellung an die Dinge heran. Wenn alles gut läuft, ist das doch schön – da kann man dann auch ruhig bleiben. Ich mache gute Arbeit und überlege, was ich tue. Das ist kein Trick, sondern die Maxime, nach der jeder arbeiten sollte: Vor Problemen, Widersprüchen und Fehlern keine Angst haben, sondern sie finden und lösen. Man kann es als Trick bezeichnen oder vielleicht einfach als eine gewisse Kompetenz.

Ein Stück weit ist es auch eine Charakterfrage. Trotzdem kann man es lernen. Dazu sollte man sich häufiger einen Spiegel vorhalten und sich fragen, wie man auf andere wirkt. Gerade Choleriker sollten das tun, weil es schon von einer gewissen Schwäche zeugt, wenn man cholerisch ist – das wissen die Betroffenen auch selbst. Die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, ergibt sich also aus einer Mischung aus Persönlichkeit und Lernen.

Dein Werk: „Wenn alles schief geht, dann ist der Lerneffekt riesig.“ – das sind Ihre eigenen Worte.

  • Ja

Dein Werk: Was ist in Ihrem Leben bereits völlig schief gelaufen? Gibt es da Situationen, über die Sie reden würden?

Pflug: Na ja, das sind die vielen Kleinigkeiten des Alltags.

Ich kann nicht behaupten, dass in meinem Leben große existenzielle Dinge schief gegangen sind. Ich bin noch mit keiner Firma pleite gegangen, habe auf meine Gesundheit achten können und komme damit irgendwie durch. Ich bin nicht geschieden, habe meinen Job nicht plötzlich verloren und hatte nie große Schulden.

Klar gibt es im beruflichen Alltag immer die eine oder andere Sache, die schief geht. Man entscheidet sich als Redakteur für falsche Aktionen, man hat nicht genug Hörer oder die Resonanz, die man haben will. Oder man betraut jemanden mit einer bestimmten Aufgabe und der bekommt es nicht hin.

Es gab aber auch Situationen, wo ich Entscheidungen treffen musste, weil ich mit meinem Job nicht mehr zufrieden war. Ich habe dann gekündigt und mir einen neuen Job gesucht – das hätte auch schief gehen können. Ist es aber nicht und ich habe frühzeitig aus meinen Fehlern gelernt.

Mein erster Chef in der Radiobranche war wirklich ein Choleriker, obwohl er ein super Journalist war und ganz viel wusste. Auch seine Fehler waren für mich eine Lehre. Ich beobachte und analysiere für mich solche Situationen – das muss eine Führungskraft können.

Auch die Intuition ist in meinem Beruf wichtig. Gerade darum sollte man zwischendurch Atem holen, mal einen Spaziergang machen und überlegen, welche Dinge gut gelaufen sind und welche nicht. Auf schlechte Gefühle sollte man achten und darüber nachdenken, was sie signalisieren.

Dein Werk: Grübeln Sie viel oder verzeihen Sie sich leicht Ihre Fehler?

Pflug: Manchmal dauert es, besonders wenn ich vor anderen Menschen einen Fehler gemacht habe – zum Beispiel in einem Meeting mit vielen Teilnehmern. Bis zum Feierabend gelingt es mir aber meistens, die Sache hinter mir zu lassen. Dafür gibt es verschiedene Techniken. Schlaflose Nächte sind bei eher selten der Fall.

Dein Werk: Haben Sie schon einmal jemanden bei Radio Essen entlassen?

Pflug: Entlassen nicht. Meistens rede ich in solchen Ausnahmesituationen mit den Betroffenen und wir versuchen gemeinsam festzustellen, ob es eine Lösung gibt und ob es Sinn macht, weiter zusammen zu arbeiten. Wenn man mit seinem Team richtig zusammenarbeitet, dann kommt es auch nicht zu Situationen, in denen man direkt eine Kündigung aussprechen muss.

Die Mitarbeiter bei Radio Essen sind sehr aktiv und leisten gute Arbeit – also habe ich auch gar keinen Grund für solche Reaktionen.

Aber es stimmt schon – der Personalbereich ist ein sensibles Thema. Mal möchte jemand unbedingt ans Mikrofon, obwohl er noch nicht so weit ist, und ist deshalb unzufrieden, mal gilt es Gespräche zu führen, die nicht unbedingt spaßig sind etc.

Erschwerend hinzu kommt noch, dass wir ständig mit unberechenbaren Situationen konfrontiert werden. Das Informationsvolumen ist riesig und man muss schnell auf Ereignisse reagieren können.

Heute gibt es zum Beispiel eine Demonstration in Essen – ich muss abschätzen, ob wir dazu eine Sondersendung machen sollten. Oder wenn ein Moderator einmal krank wird – dann muss man dringend einen Ersatz finden. Jemand, der diese Hektik nicht gewohnt ist, käme, denke ich, relativ schnell ins Schleudern.

Dein Werk: Und Sie haben natürlich zu wenig Leute.

Pflug: Die Antwort wird Sie überraschen, aber wir haben schon genug Personal. Wir haben zwar das Programm ausgeweitet, aber auch die Personalzahlen erweitern können. Noch mehr Personal würde uns nichts nützen. Dementsprechend wächst auch der Bedarf, die Leute zu schulen, zu motivieren und mit Aufgaben zu versorgen. Jeder Mensch ist eine Persönlichkeit, ein Charakter und kann entweder mitspielen oder aber auch querschießen. Das hat Einfluss auf die Gesamtstimmung im Team. Momentan haben wir acht Redakteure, zwei Sekretärinnen, zwei Volontäre und mich. Und es gibt einige freie Mitarbeiter, die regelmäßig bei uns arbeiten.

Dein Werk: Sie haben selbst eine bunte Karriere hinter sich. Was war das entscheidende Element, das Ihnen auf Ihrem Weg zum Chefredakteur geholfen hat?

Pflug: Mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Ich wollte nach dem Studium eigentlich Lehrer werden, hatte aber stimmliche Probleme.

Meine Stimmbänder waren nicht so gut. Der Arzt hat mich nach meinem Berufswunsch gefragt und ich habe ihm geantwortet, dass ich entweder Lehrer werden oder beim Radio arbeiten möchte.

Da sagte er mir: „Lehrer sollten Sie auf keinen Fall als Beruf wählen.“ Das hat mir ganz gut gepasst, weil das Radio schon immer meine Leidenschaft war und ich auch gern Radioredakteur werden wollte.

Dann habe ich eine Stelle angeboten bekommen und der Rest war gewissermaßen vorherbestimmt. Ich habe mich immer voll eingesetzt und viel Spaß daran gehabt. Als ich mich für die Stelle als Chefredakteur bewarb, hatte ich bereits so viel Erfahrung, dass man mich eingestellt hat.

Dein Werk: Sollten Sie sich ganz streng einem von zwei Bereichen zuordnen müssen: Sind Sie ein Kreativer bzw. Künstler oder ein Geschäftsmann?

Pflug: Ich gehöre eindeutig zum kreativen Bereich. Ich war zwar sehr gut in Mathematik, aber Deutsch, Anthropo-Geographie und Psyhologie haben mir mehr Spaß gemacht. Letzteres hat mich noch mehr interessiert als die Naturwissenschaften. Ich bin einfach mehr der sozial- oder gesellschaftswissenschaftliche Typ.

Dass ich auch gut rechnen und strategisch denken kann, kommt mir bei meiner Arbeit natürlich sehr entgegen. Und trotzdem: Die Arbeit eines Geschäftsführers würde mich nicht reizen, auch wenn ich das Doppelte an Gehalt bekommen würde.

Dein Werk: Wenn Sie heute Ihren Job aufgeben und noch einmal von vorne anfangen müssten, welche Stelle bei Radio Essen würden Sie dann anstreben?

Pflug: Ich würde wieder Moderator werden. Damit habe ich damals angefangen, viele Morgensendungen moderiert. Soweit ich es weiß, habe ich es gut gemacht und das würde ich sicher wieder können. Natürlich bin ich vielleicht schon ein bisschen zu alt und müsste vielleicht das Seniorenradio übernehmen. Moderatoren sind ja meistens jüngere Menschen. Trotzdem würde ich es mir zutrauen.

Dein Werk: Nur mit der heutigen Musik hätten Sie wahrscheinlich so Ihre Probleme.

Pflug: Ach was! Auch heute gibt es genug gute Musik. Auch mal was Deutsches wie Mark Forster. Ich glaube, in das Musikgeschäft würde ich mich schnell wieder hineinfinden. Ich bin ziemlich dance-lastig und finde es super, wenn richtig gemixt wird. DJs wie Felix Jaehn oder David Guetta finde ich schon klasse. Ich hätte da bestimmt Spaß dran.

Dein Werk: „Essen ist die schönste Stadt des Ruhrgebiets“, schreiben Sie, „cooler und abwechslungsreicher als Düsseldorf“. Das müssen Sie mir erklären: Erstens sind Sie kein gebürtiger Essener und zweitens – warum der Vergleich mit Düsseldorf? Sie sind ja auch kein Kölner 🙂 ?

Pflug: Das ist anders als Sie denken. Ich finde Düsseldorf sehr schön, aber ein paar Dinge gefallen mir am Ruhrgebiet besser. Ich bin mehr der Westfale und Essen liegt ja an der Grenze zu Westfalen.

Das Ruhrgebiet ist geerdet und ehrlich, hat immer von Arbeit gelebt, auch von schmutziger Arbeit. Das finde ich grundsätzlich sympathisch. Das verbindet Essen und das Ruhrgebiet mit meiner Heimatstadt Kassel.

Wenn ich mich im Ruhrgebiet umgucke, dann ist Essen die vielfältigste und mit Abstand die schönste Stadt: Viel Grün und eine große Vielfalt an Kultur – von den Kinos bis hin zur Philharmonie und den Theatern. Da kommt das restliche Ruhrgebiet nicht heran.

Ich glaube, Essen ist eine unterschätzte Stadt, die sich selbst oft kleiner macht als sie ist. Ich habe sie immer sehr positiv erlebt. Und Düsseldorf kommt für mich immer noch klar vor Köln und vielen anderen Städten. Ich habe also nichts gegen Düsseldorf, aber im Vergleich mit Essen … da hat Essen für mich die Nase vorn.

Dein Werk: Vielen Dank für das offene Gespräch.

Yevgeniy Kucherskyy

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