Brigitta Schröder – Ich habe einen phänomenalen Freiheitsraum!

Diakonisse Brigitta

Nimm das Leben mit Humor, vieles kommt dir leichter vor!

Mit diesen Worten begrüßt mich einer der wunderbarsten Menschen, die ich im vergangenen Jahr getroffen habe. Brigitta Schröder, die sich in ihrer Arbeitskleidung als Diakonisse sichtlich wohlfühlt, spielt gerne Theater und liebt es bei Fotoshootings zu posieren. Ihre Prinzipien kennt sie genau. Es gibt vieles in diesem Leben, worauf sie pfeift und vieles was sie unendlich respektiert. Unsere erste Begegnung ereignete sich bei einem Nachbarschaftstreffen im Essener Zentrum, bei dem wir spontan einen Interview-Termin absprachen. Zu diesem Treffen kam es schließlich schneller als ich gedacht hatte. Als ich sie am vereinbarten Tag am gegenüberliegenden Bahnsteig erspähe, erkenne ich sie sofort an ihrer auffälligen Erscheinung im Diakonissen-Kleid. Am Kaffee nippend und am I-Pad lesend sitzt sie, scheinbar unbehelligt vom Rummel, der sie umgibt, auf einer Bahnhofsbank. Unser Gespräch währt nur wenige Minuten, da ihr Zug bereits einfährt, aber es reicht um ein Treffen am gleichen Tag bei mir im Studio zu vereinbaren. Einige Stunden später posiert sie vor meiner Linse und reißt Scherze.

Ist der Ruhm mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert – zitiert sie kurz vor dem nächsten Bild, auf dem sie eine lustige Pose einnimmt.

Brigitta Schröder ist 81 Jahre alt, sehr aktiv und genießt ihr Alter: „Die meisten haben Angst vor dem Alter. Ich finde das Älterwerden unglaublich toll! In meinem Alter muss man nichts mehr müssen! Das hat viele Vorteile. Auch das Diakonisse-Leben bringt nicht nur Beschränkungen. Ich habe einen phänomenalen Freiheitsraum. Ich weiß jeden Morgen was ich anzuziehen habe – das ist eine ganz große Erleichterung. Außerdem brauchte ich mir keine Gedanken um meine Altersversorgung machen. Meine Energie verwende ich für andere Sachen.“

Brigittas Name verbinden viele mit dem Thema „Demenz“. Als Autorin hat sie sich mit den Büchern „Blickrichtungswechsel“ und „Menschen mit Demenz achtsam begleiten“ schon einen Namen machen können. Das dritte Buch „Zärtlichkeit, Zuwendung und Sexualität im Pflegealltag“ soll bald fertig gestellt werden.

„Wobei ich am meisten lerne, – und das nehmen mir die wenigsten ab -, das ist vor allem durch meine Begegnungen mit Menschen mit Demenz. Menschen mit Demenz leben auf einer völlig anderen Daseins-Ebene. Sie sind immer im Jetzt und Hier. Man muss sie nicht immer betreuen und ihnen helfen – sie sind und bleiben Persönlichkeiten. Mehr noch – Menschen mit Demenz sind Pioniere, um eine menschenfreundlichere Gesellschaft zu entfalten. Sie sind nicht krank – sie sind anders! Sie haben keine Maske und das ist großartig! Auch ich möchte meine Maske verlieren und authentischer werden. Im Augenblick leben können die wenigsten. Ich würde das gerne lernen. Menschen mit Demenz können mir da viel beibringen. Da ist etwas, was andere Menschen noch gar nicht so richtig erkennen, weil sie ständig viel zu sehr mit dem beschäftigt sind, was einmal war oder sein wird. Da müssen wir noch viel lernen“.

Für Brigitta Schröder gehören zu den Themen, die mit Menschen mit Demenz in Verbindung stehen, natürlich auch deren Angehörige. Dass sie mit Rat und Tat zur Seite steht, wissen viele zu schätzen. Dabei ist ihre Haltung, wie oft, sehr ungewöhnlich.

„Wenn die Fürsorge der Angehörigen überhandnimmt, dann sind sie kränker als die Patienten selbst. Sie opfern sich auf. Und was hilft das?! Wenn jeder vor seiner Haustür wischen würde, dann wäre die ganze Welt sauber!“.

Auf die Frage, wie sie Menschen mit Demenz und dessen Angehörigen Hilfestellung leistet, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich helfe ihnen nicht! Ich kann sie begleiten und ermutigen und unterstützen. Sie haben sich zu helfen. Das ist eben das Problem. Wir versuchen viel öfter den Menschen zu helfen, anstatt sie zu ermutigen. Dabei ist das doch viel wichtiger! – Dass sie selber ihre Kräfte spüren.“

Zu dem Thema fällt ihr noch ein Beispiel ein, das sie mit mir teilen möchte: „Ich kannte zwei Schwestern“, sagt sie, „von denen die eine gelähmt und die andere dement war. Stellen Sie sich vor: sie haben einander ergänzt, indem eine der anderen die Schuhe zumachte. Diese wiederum erinnerte ihrerseits ihre Kollegin, wann sie ihre Medikamente nehmen solle.“ So kann Unterstützung wirklich funktionieren. „Ich nehme die dementen Menschen ernst, egal was sie gerade tun. Und ich nehme mich an, so wie ich gewachsen bin. Die gegenseitige Wertschätzung fängt mit der eigenen Wertschätzung an. Das ist meine Philosophie.“

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